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30 Jahre Einzelhandel – und irgendwann fragt man sich: War es das wert?






Ich arbeite seit 30 Jahren im Einzelhandel. Drei Jahrzehnte voller Veränderungen, neuer Systeme, neuer Konzepte, neuer Führungskräfte und immer neuer Kennzahlen. Vieles davon habe ich mitgemacht, denn Veränderungen gehören zum Berufsleben dazu. Was mich heute aber zunehmend frustriert, ist etwas anderes: die fehlende Wertschätzung für die Menschen, die diesen Handel jeden Tag am Laufen halten.

30 Jahre. Wenn ich diese Zahl ausspreche, muss ich selbst manchmal kurz innehalten.

Ich habe den Einzelhandel in einer Zeit begonnen, in der noch vieles anders war: andere Arbeitsabläufe, andere Technik, andere Anforderungen. Seitdem hat sich unglaublich viel verändert. Neue Kassensysteme kamen, digitale Warenwirtschaft, Onlinehandel, Click & Collect, Self-Checkout, Apps, neue Verkaufskonzepte, ständig wechselnde Organisationsstrukturen und vor allem immer mehr Kennzahlen.

Und immer wieder hieß es: Wir müssen uns verändern. Das habe ich nie grundsätzlich infrage gestellt. Veränderung gehört zum Handel. Was ich aber inzwischen massiv infrage stelle, ist die Richtung, in die sich die Branche entwickelt. Denn irgendwann muss man sich die entscheidende Frage stellen: Wo bleibt eigentlich der Mensch?

Wir sind keine Kostenstelle

Heute scheint fast alles nur noch über Zahlen zu funktionieren. Umsatz, Personalkostenquote, Produktivität, Warenverfügbarkeit, Abschriften, Inventurdifferenzen, Conversion Rate und unzählige weitere KPIs. Kennzahlen sind wichtig, das bestreite ich überhaupt nicht. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten. Aber ein Mensch ist eben keine Kennzahl.

  • Eine Kollegin, die morgens ihre Schicht beginnt, obwohl sie eigentlich schon erschöpft ist, ist keine Personalkostenquote.
  • Der Kollege, der alleine eine komplette Abteilung betreut, während gleichzeitig Kunden beraten, Waren verräumt, Bestellungen bearbeitet, das Telefon bedient und Probleme gelöst werden müssen, ist keine Produktivitätskennzahl.
  • Und die Mitarbeiterin, die seit Jahren zuverlässig jeden Samstag und jeden verkaufsoffenen Sonntag da steht, ist nicht einfach nur ein Kostenfaktor.
Das sind Menschen. Menschen, die jeden einzelnen Tag dafür sorgen, dass der Laden überhaupt funktioniert.

Immer weniger Menschen sollen immer mehr schaffen

Genau hier liegt für mich eines der größten Probleme. Es werden immer weniger Kolleginnen und Kollegen auf der Fläche. Gleichzeitig verschwinden die Aufgaben nicht, ganz im Gegenteil: Sie werden spürbar mehr. Die Arbeit wird verdichtet, Aufgaben werden zusammengelegt, Verantwortlichkeiten verschoben. Und irgendwann steht man auf der Fläche und fragt sich: Wie soll ich das eigentlich alles noch schaffen?

Natürlich wird dann gerne über Produktivität gesprochen. Man soll effizienter arbeiten, schneller werden, Prioritäten setzen, Prozesse optimieren. Aber irgendwann ist eine Grenze erreicht. Und diese Grenze heißt Mensch. Ein Mensch kann nicht unbegrenzt schneller, flexibler und belastbarer werden. Irgendwann wird aus Arbeitsverdichtung schlicht Überlastung, und Arbeit fängt an, krank zu machen.

In einem modernen Unternehmen sollte das ein absolutes Alarmsignal sein. Stattdessen wird in der Praxis häufig einfach nur die nächste Kennzahl eingeführt.

Was bedeutet eigentlich Wertschätzung?

Ich stelle mir diese Frage inzwischen sehr oft. Ist Wertschätzung ein kurzes Lob beim Jahresgespräch? Ein schnelles Danke vom Vorgesetzten? Ein Obstkorb im Pausenraum? Ein Gutschein oder ein freundliches Rundschreiben zum Jahresende?

Nein. Wertschätzung zeigt sich für mich an ganz anderen Dingen:

  • Sie zeigt sich darin, wie viele Mitarbeiter man real für eine Schicht einplant.

  • Sie zeigt sich im täglichen Umgang mit den Beschäftigten.

  • Sie zeigt sich beim Gehalt und bei planbaren, fairen Arbeitszeiten.

  • Sie zeigt sich darin, ob Menschen ihre Arbeit schaffen können, ohne dauerhaft an ihre Grenzen zu gehen.

  • Und sie zeigt sich darin, ob ein Unternehmen bereit ist, nachhaltig in sein Personal zu investieren.

Nachwuchs? Kein Wunder, dass er fehlt

Wir wundern uns branchenweit darüber, dass immer weniger junge Menschen eine Ausbildung im Einzelhandel beginnen wollen. Aber warum eigentlich?

Wir sollten uns ehrlich fragen, welches Bild der Handel heute vermittelt. Schichtarbeit, Samstagsarbeit, hohe Anforderungen, ständiger Druck, Personalmangel und permanente Arbeitsverdichtung. Dazu kommt die ständige Erwartung: Du musst flexibel sein, belastbar bleiben und immer funktionieren.

Natürlich hat der Beruf auch tolle Seiten: Er ist abwechslungsreich, man arbeitet direkt mit Menschen, übernimmt Verantwortung und kann sich weiterentwickeln. Aber wenn die Rahmenbedingungen hinten und vorne nicht mehr stimmen, reicht das irgendwann nicht mehr aus. Dann entscheidet sich ein junger Mensch völlig verständlich für eine andere Branche. Wer kann es ihm verdenken?

Das Gehalt muss zur Realität passen

Ich arbeite in einem tarifgebundenen Unternehmen. Das bedeutet zunächst einmal: Es gibt Tarifverträge und geregelte Entgelte. Das ist gut und unheimlich wichtig. Aber auch ein Tarifgehalt muss heute die Frage beantworten: Reicht das eigentlich noch zum Leben?

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie drastisch die Kaufkraft geschrumpft ist. Lebensmittel, Mieten, Energie, Versicherungen, Mobilität: Fast alles ist spürbar teurer geworden. Gleichzeitig soll der Beschäftigte auf der Fläche weiterhin freundlich lächeln und den Kunden erklären, warum die Produkte 10 oder 20 Prozent mehr kosten. Aber wer erklärt eigentlich den Beschäftigten, warum ihr eigenes Einkommen mit diesen Lebenshaltungskosten nicht Schritt hält?

Deshalb geht es in den aktuellen Tarifrunden nie nur um irgendeine Zahl auf dem Papier. Es geht um die Frage, was uns die Arbeit der Menschen im Handel wirklich wert ist. ver.di fordert beispielsweise tabellenwirksame Entgelterhöhungen, während Arbeitgeber oft zögerlich oder ganz ohne Angebot in die Verhandlungen starten. Darüber muss man offen sprechen. Denn die Kolleginnen und Kollegen an der Kasse und im Verkauf können nichts dafür, wenn die Kaufkraft der Kunden sinkt. Wenn Menschen weniger Geld in der Tasche haben, verzichten sie zuerst auf Dinge, die nicht zwingend notwendig sind. Und dann sinkt der Umsatz.

Der stationäre Handel darf sich nicht selbst kaputtsparen

Wenn Umsätze zurückgehen, lautet die erste reflexartige Antwort vieler Unternehmen: Kosten runter. Und welche Kosten lassen sich besonders schnell anpassen? Die Personalkosten.

Also werden Stunden gekürzt, frei werdende Stellen nicht nachbesetzt und Teams verkleinert. Die verbliebenen Mitarbeiter sollen dann das gleiche Pensum oder sogar noch mehr wuppen. Das ist ein gefährlicher Teufelskreis:

  1. Weniger Personal führt zu höherer Belastung.

  2. Höhere Belastung führt zu weniger Zeit für die Kundschaft.

  3. Weniger Zeit bedeutet schlechtere Beratung und sinkenden Service.

  4. Schlechterer Service führt zu unzufriedenen Kunden.

Und am Ende fragt sich der Kunde zu Recht: Warum soll ich überhaupt noch in den Laden gehen, statt direkt online zu bestellen?

Technologie und Onlinehandel sind Realität und werden nicht wieder verschwinden. Aber genau deshalb müsste der stationäre Handel seine größte Kernkompetenz pflegen: den Menschen. Ein Kunde, der eine ehrliche Beratung sucht. Eine Mitarbeiterin, die aufmerksam zuhört. Ein Verkäufer, der sich wirklich auskennt und sich Zeit nimmt, ein Problem zu lösen. Das ist der Grund, warum Menschen überhaupt noch in ein Geschäft kommen. Wenn wir diesen Vorteil durch ständiges Kaputtsparen opfern, dürfen wir uns über verwaiste Innenstädte nicht wundern.

Was vom Applaus übrig blieb

Erinnert ihr euch noch an die Corona-Zeit? Plötzlich waren Beschäftigte im Einzelhandel systemrelevant. Es wurde beklatscht, wie unverzichtbar dieser Job für das Land ist. Die Kolleginnen und Kollegen standen jeden Tag auf der Fläche, füllten Regale, beruhigten verunsicherte Menschen und hielten die Versorgung aufrecht, während viele andere geschützt zu Hause bleiben konnten.

Und was ist davon geblieben? Vor allem Applaus.

Anerkennung tut gut, keine Frage. Aber Applaus bezahlt weder Miete noch Stromrechnung. Und er ersetzt vor allem keine fehlende Kollegin in einer unterbesetzten Spätschicht. Die Botschaft hätte damals eigentlich lauten müssen: Wir haben gesehen, was ihr leistet, und wir werden dafür sorgen, dass diese Arbeit dauerhaft mehr Wertschätzung erfährt. In der Realität ist davon viel zu wenig angekommen.

Technik ja, aber als Unterstützung

Ich bin absolut nicht gegen Fortschritt, das möchte ich ausdrücklich sagen. Nach 30 Jahren im Beruf kann ich Veränderungen ganz gut beurteilen. Viele technische Entwicklungen waren und sind sinnvoll: Sie erleichtern schwere Arbeit, beschleunigen Prozesse und nehmen Routineaufgaben ab.

Aber: Technik muss den Menschen unterstützen und entlasten. Sie darf nicht dazu dienen, noch mehr Personal wegzurationalisieren, bis die verbliebenen Mitarbeiter komplett am Limit laufen. Eine Kennzahl darf niemals wichtiger sein als die Frage, ob Beschäftigte ihre Arbeit unter gesunden Bedingungen erledigen können.

Irgendwann verliert man die Lust

Das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten beschäftigt. Nach drei Jahrzehnten im Job sollte man eigentlich mit Stolz sagen können: Das war eine gute Entscheidung. Ich habe wahnsinnig viel erlebt, viele tolle Menschen kennengelernt, Erfahrung gesammelt und viele schöne Momente gehabt.

Aber wenn mich heute jemand ehrlich fragt: Würdest du dich noch einmal für eine Ausbildung und eine Karriere im Einzelhandel entscheiden?

Dann lautet meine Antwort ganz klar: Nein. Definitiv nicht.

Das tut mir weh. Denn ich wünsche mir keinen sterbenden Handel. Ganz im Gegenteil: Ich wünsche mir einen starken stationären Handel, in dem Menschen gerne arbeiten. Eine Branche, in der junge Menschen wieder eine Perspektive sehen, in der Erfahrung geschätzt wird, faire Löhne gezahlt werden und Mitarbeiter nicht als bloßer Kostenfaktor gelten. Vor allem wünsche ich mir einen Handel, in dem Menschen wieder wichtiger sind als Kennzahlen.

Liebe Arbeitgeber: Ihr braucht uns!

Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen in den Unternehmen einmal daran erinnern: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht das Problem, sie sind ein Teil der Lösung.

Wer dauerhaft Personal abbaut, verliert unweigerlich an Beratungsqualität. Wer Arbeit immer weiter verdichtet, brennt seine Leute aus. Wer junge Menschen gewinnen möchte, muss ihnen faire Rahmenbedingungen bieten. Und wer erfahrene Mitarbeiter halten will, muss ihnen zeigen, dass ihr Einsatz einen echten Wert hat.

Gute Mitarbeiter sind keine Kostenstelle. Sie sind eine Investition.

Mein Appell

Nach 30 Jahren Einzelhandel möchte ich keinen Applaus und keine leeren Dankesworte. Ich möchte, dass über die Menschen gesprochen wird, die jeden Tag auf der Verkaufsfläche stehen.

Ich möchte faire Bezahlung. Ich möchte ausreichend Personal. Ich möchte Arbeitsbedingungen, die Menschen nicht krank machen. Ich möchte, dass Ausbildung im Handel wieder attraktiv wird und Erfahrung respektiert wird.

Wir sind keine Kennzahl im System. Wir sind keine bloße Personalkostenquote.

Wir sind Menschen. Und Menschen verdienen Respekt.

Wie seht ihr das?

Arbeitet ihr selbst im Einzelhandel oder im Verkauf? Kennt ihr diese zunehmende Arbeitsverdichtung aus eurem Alltag? Und würdet ihr euch heute noch einmal für eine Ausbildung im Handel entscheiden? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare, ich freue mich auf eure Meinungen! 💬👇

Teilt diesen Beitrag auch gerne Euren Arbeitgebern! Ich habe nach einem anstrengenden Samstag auch gerade mein Abendbrot vergessen. Jetzt muss ich was essen also bis bald.

Euer Mike 

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